Ich habe meinsystem nicht gebaut, weil ich unbedingt eine Produktivitäts-App entwickeln wollte.
Ich habe es gebaut, weil meine Wand irgendwann keinen Platz mehr hatte.
An dieser Wand hingen Blätter mit meiner Morgenroutine, meiner Abendroutine, Abläufen für Termine und Listen für Dinge, die für andere Menschen vielleicht selbstverständlich wirken. Für mich waren diese Zettel ein Backup-Plan. Wenn ich nicht weiterwusste, konnte ich nachsehen.
Heute trage ich diesen Backup-Plan auf meiner Apple Watch.
Morgens waren zu viele Fragen gleichzeitig da
Meine Morgenroutine war der Anfang von allem.
Ich wachte auf und hatte sofort sehr viele Gedanken im Kopf. Ich wusste nicht, womit ich anfangen sollte. Was muss ich machen? In welcher Reihenfolge? Wie genau geht das? Wann muss ich los? Warum fühlt sich selbst der erste Schritt so schwer an?
Aus einer einfachen Aufgabe wurden in meinem Kopf viele Entscheidungen gleichzeitig. Manchmal geriet ich dadurch in einen Loop, aus dem ich allein nicht mehr herauskam. Ich war so überfordert, dass ich einen Meltdown hatte, mich wieder ins Bett legte oder anfing zu doomscrollen. Danach fühlte sich der Tag oft schon gelaufen an.
Lange dachte ich, ich müsste morgens einfach schneller anfangen oder mich stärker zusammenreißen. Aber mein Problem war nicht, dass ich nicht wusste, wie man Zähne putzt oder Frühstück macht. Mein Problem war, dass ich jeden Morgen zu viele einzelne Entscheidungen erneut treffen musste.
Also schrieb ich zum ersten Mal alles auf
Ich begann mit den Dingen, die ich jeden Tag ähnlich mache.
Nicht nur mit Überschriften wie „Zähne putzen“ oder „fertig machen“. Ich schrieb auch die Abläufe dahinter auf: womit ich beginne, was danach kommt und warum ich es so mache. So musste ich die Routine nicht jeden Morgen neu zusammensetzen.
Eine Entscheidung, die ich in einem ruhigen Moment schon getroffen hatte, musste ich in einem überforderten Moment nicht noch einmal treffen.
Das klingt vielleicht sehr detailliert. Für mich gab diese Genauigkeit aber Sicherheit. Wenn mein Kopf wusste, wie es weitergeht, musste er nicht gleichzeitig planen, erinnern, priorisieren und anfangen.
In meinem Beitrag über eine Morgenroutine mit ADHS beschreibe ich, warum mir kleine, sichtbare Blöcke mehr helfen als ein perfekter Plan. Der Ursprung davon war viel einfacher: ein Blatt Papier, auf dem der nächste Schritt bereits stand.
Die Zettel wurden zu meinem Backup-Plan
Nach der Morgenroutine kamen weitere Routinen dazu. Meine Abendroutine. Mein Mittagessen. Wiederkehrende Aufgaben. Dinge, die ich im Alltag regelmäßig brauche.
Natürlich kann ich nicht mein ganzes Leben durchplanen. Das wollte ich auch nicht. Aber ich konnte die Teile vorbereiten, bei denen ich sonst immer wieder an denselben Fragen hängen blieb.
Besonders deutlich wurde das bei Terminen. Wenn ich einen Zahnarzttermin hatte, schrieb ich nicht nur die Uhrzeit auf. Ich notierte auch, was zu diesem Termin gehört:
- Gesundheitskarte heraussuchen
- Weg planen
- überlegen, wann ich losgehen muss
- Dinge vorbereiten, die ich mitnehmen möchte
- nachsehen, was direkt davor und danach passiert
Auch ein Einkauf war für mich nicht einfach nur „einkaufen“. Er bestand aus mehreren Schritten und einer Liste, die zum Termin gehörte.
Jeder einzelne Zettel nahm mir ein paar Entscheidungen ab. Zusammen wurden sie zu einer Art externem Gedächtnis. Wenn ich festhing, war da etwas außerhalb meines Kopfes, das mir sagen konnte: Hier geht es weiter.
Irgendwann war die ganze Wand voll
Das System funktionierte. Und genau dadurch entstand das nächste Problem.
Diese drei Fotos zeigen ziemlich genau, wie sich mein System entwickelt hat. Aus den ersten aufgeschriebenen Abläufen wurden immer mehr Routinen, Regeln und Erinnerungen, bis schließlich fast der ganze Raum Teil meines externen Gedächtnisses war.

Am Anfang entstand aus einzelnen Blättern eine sichtbare Reihenfolge für meinen Tag.

Mit der Zeit kamen weitere Routinen, Ausnahmen und Regeln für unterschiedliche Situationen dazu.

Irgendwann reichte eine kleine Zettelwand nicht mehr. Die Struktur verteilte sich über fast den ganzen Raum.
Sehr schnell wurden es sehr viele Blätter. Routinen, Abläufe, Termine und Listen hingen an der Wand. Ich konnte nachsehen, aber ich musste inzwischen wissen, auf welchem Zettel die richtige Information stand.
Da dachte ich zum ersten Mal: Ich brauche dafür eine App.
Ich probierte verschiedene Anwendungen aus. Viele waren reine To-do-Apps. Dort konnte ich Listen anlegen, aber mein Tag und meine Termine fehlten. Andere waren Kalender, aber dort fehlten Aufgaben und wiederverwendbare Abläufe. Manche Kalender hatten zwar Todos, aber ich konnte nicht die Routinen bauen, die ich an bestimmten Tagen brauche. Ich konnte einem Termin nicht einfach den passenden Ablauf oder eine eigene Liste mitgeben.
Jede App löste einen Teil. Keine bildete die Art ab, wie ich mit Autismus und ADHS meinen Alltag strukturieren musste.
Ich wusste am Anfang selbst noch nicht, was funktionieren würde
meinsystem entstand deshalb nicht aus einem fertigen Funktionskatalog.
Es war ungefähr ein Jahr lang ein Prozess, in dem ich zuerst herausfinden musste, was mir bei Routinen wirklich hilft und was nicht. Ich übertrug meine Zettel Schritt für Schritt in die App. Dann benutzte ich sie selbst, bemerkte ein neues Problem und verbesserte sie wieder.
So entstanden zum Beispiel Abläufe, die ich bei mehreren Routinen und Terminen wiederverwenden kann. Wenn bestimmte Vorbereitungsschritte immer ähnlich sind, möchte ich sie einmal festlegen und danach erneut einsetzen können. Wenn ein Termin eine eigene Liste braucht, soll diese Liste direkt dort sein, wo ich sie benötige.
Die Funktionen kamen nicht aus der Frage: „Was müsste eine möglichst große Produktivitäts-App noch können?“
Sie kamen aus der Frage: „An welcher Stelle bleibe ich gerade hängen – und was müsste mein System mir dort zeigen?“
Struktur ist für mich kein Käfig
Von außen können so genaue Routinen starr wirken. Für mich fühlen sie sich anders an.
Eine Routine ist wie ein Geländer. Ich muss mich nicht immer daran festhalten. Wenn ich aber morgens nicht weiß, wie es weitergeht, ist es da. Die Struktur nimmt mir nicht meine Freiheit. Sie gibt mir die Möglichkeit zurück, überhaupt ins Handeln zu kommen.
Das hat meinen Alltag nicht nur produktiver gemacht. Es hat mir Sicherheit gegeben und geholfen, mich zu erden. Ich weiß, dass ein Backup-Plan existiert. Ich muss in einem schwierigen Moment nicht alles allein in meinem Kopf lösen.
Das ist auch der Unterschied zwischen Struktur und einem vollständig durchgeplanten Leben. Struktur darf mich tragen, ohne jede spontane Entscheidung zu verbieten. Ich plane vor allem die Stellen vor, an denen das ständige Neuentscheiden mir sonst die Energie nimmt.
Mehr über diese Belastung schreibe ich im Beitrag zur Entscheidungsmüdigkeit bei ADHS und Autismus.
Aus der Zettelwand wurde Hilfe am Handgelenk
Heute öffne ich morgens als Erstes meinsystem auf meiner Apple Watch.
Dort sehe ich direkt, was als Nächstes dran ist. Zum Beispiel: Zähne putzen. Danach sehe ich den nächsten Schritt. Ich muss nicht schon beim Aufwachen meinen gesamten Tag im Kopf sortieren.
Das ist im Kern noch immer dasselbe System wie damals an meiner Wand. Der Unterschied ist, dass ich die Hilfe jetzt immer dabeihabe. Ich muss nicht erst den richtigen Zettel suchen. Der nächste Schritt ist dort, wo ich ihn gerade brauche.
Für mich ist das die wichtigste Entwicklung von meinsystem: nicht möglichst viele Informationen gleichzeitig zu zeigen, sondern mir im richtigen Moment genug Orientierung für den nächsten machbaren Schritt zu geben.
Es hat nichts mit fehlender Willenskraft zu tun
Wenn du morgens ebenfalls feststeckst, dich wieder ins Bett legst oder am Handy hängen bleibst, wirkt das von außen vielleicht wie fehlende Disziplin.
Ich erlebe es anders.
Es ist nicht die eine große Aufgabe, die mir die Energie nimmt. Es ist das ständige Neuentscheiden davor. Womit fange ich an? Was gehört dazu? Habe ich etwas vergessen? Was kommt danach?
Mit einem konkreten Plan, den ich Schritt für Schritt abhaken kann, fällt mir das Anfangen leichter. Ich muss nicht gleichzeitig denken, planen und machen. Ich kann einfach mit dem beginnen, was vor mir steht.
Das bedeutet nicht, dass jeder Plan immer funktioniert oder jeder schwierige Morgen plötzlich leicht wird. Auch mein System kann nicht alles auffangen. Aber es verringert die Zahl der Entscheidungen, die ich genau dann treffen muss, wenn ich am wenigsten Kapazität dafür habe.
Fang nicht mit deinem ganzen Leben an
Wenn du etwas Ähnliches ausprobieren möchtest, brauchst du nicht sofort eine perfekte Tagesstruktur.
Nimm eine Situation, in der du regelmäßig hängen bleibst. Vielleicht ist es das Aufstehen, das Zähneputzen, das Losgehen zu einem Termin oder der Wocheneinkauf. Schreib den Ablauf einmal in einem ruhigen Moment auf.
Nicht den idealen Ablauf. Deinen tatsächlichen nächsten Schritt.
Lege diesen Plan dorthin, wo du ihn brauchst. Auf Papier, ins Handy oder in eine App. Entscheidend ist nicht das Werkzeug. Entscheidend ist, dass dein überfordertes Ich nicht dieselbe Arbeit noch einmal machen muss, die dein ruhigeres Ich bereits erledigen konnte.
Wenn du danach mehr Struktur aufbauen möchtest, findest du in meinem Beitrag zur Tagesstruktur mit AuDHS weitere praktische Ansätze.
Ich habe die App gebaut, die mir selbst gefehlt hat
meinsystem begann nicht als Businessplan. Es begann mit einem Morgen, an dem ich wieder nicht wusste, womit ich anfangen sollte.
Dann kam ein Blatt Papier. Danach viele Blätter. Schließlich eine ganze Wand. Und aus dieser Wand wurde Schritt für Schritt eine App.
Bis heute ist der wichtigste Gedanke derselbe geblieben:
Ich möchte nicht jeden Tag alles neu entscheiden müssen. Ich möchte nachsehen können, wenn ich nicht weiterweiß.
Genau dafür habe ich meinsystem gebaut.
Mein Backup-Plan heute
Die Zettelwand ist nicht verschwunden, weil ich plötzlich ohne Struktur auskomme. Ihre Funktion ist nur mit mir umgezogen. Heute sehe ich auf meiner Apple Watch meinen aktuellen Tagesabschnitt, die einzelnen Schritte meiner Morgenroutine und Listen, die ich unterwegs brauche.

Die Heute-Ansicht zeigt mir, was gerade ansteht, ohne dass ich den ganzen Tag gleichzeitig sortieren muss.

In der Morgenroutine kann ich einen Schritt nach dem anderen sehen und abhaken.

Auch wiederkehrende Listen wie meine Essentials sind direkt am Handgelenk dabei.
Das ist meine persönliche Erfahrung mit AuDHS und Alltagsstruktur. meinsystem ist ein Planungstool und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung.

