Ich stehe morgens vor dem Kühlschrank und starre rein.
Joghurt. Reste vom Vortag. Eier. Irgendwas, das ich kaufen wollte. Ich schaue einmal rein, dann nochmal, warte darauf, dass sich eine Option richtig anfühlt. Nichts. Ich greife nach etwas, lege es wieder zurück. Irgendwann schließe ich den Kühlschrank, stehe da und bin schon müde.
Und der Tag hat noch nicht mal richtig angefangen.
Das ist keine Faulheit
Lange dachte ich, ich bin einfach faul. Zu unentschlossen. Alle anderen machen das irgendwie einfach und ich stehe vor dem Kühlschrank wie vor einer Prüfung.
Inzwischen verstehe ich, was da passiert. Ich habe ADHS und Autismus. Beides gleichzeitig. Und die Kombi macht Entscheidungen nochmal schwerer als wenn man nur eines von beiden hätte.
Warum ADHS alleine schon schwierig ist
Mit ADHS funktionieren die exekutiven Funktionen anders. Planen, priorisieren, anfangen, das sind genau die Bereiche, die bei mir unter Druck als erstes ausfallen. Jede Entscheidung, auch eine kleine, kostet mein Gehirn echte Verarbeitungsenergie.
Das Tückische: Von außen sieht das nach Kleinigkeit aus. Was esse ich zum Frühstück? Welches T-Shirt ziehe ich an? Schreibe ich die Nachricht jetzt oder später? Einzeln ist das nichts. Zusammen, und das alles vor 9 Uhr morgens, ist mein Tank schon halb leer bevor ich überhaupt an meinen Schreibtisch sitze.
Dazu kommt das Dopamin-Ding. Mein Gehirn belohnt mich nicht automatisch für Dinge, die mich nicht interessieren. Das heißt, selbst wenn ich weiß was ich tun soll, fühlt sich der Start trotzdem zäh an. Kein internes Signal, das sagt: Mach das jetzt.
Warum Autismus die Sache nochmal komplizierter macht
Der Autismus-Teil von mir braucht eigentlich das Gegenteil von dem, was ADHS produziert.
Mein Gehirn braucht Vorhersehbarkeit. Klare Abläufe. Keine offenen Fragen. Wenn ich nicht weiß, was als nächstes kommt, kostet mich das unverhältnismäßig viel Energie. Jede unerwartete Entscheidung ist kein kurzes Nachdenken, sondern ein kompletter Durchlauf: Wie mache ich das? Wie fange ich an? Was passiert danach? Das muss ich alles erst durcharbeiten, bevor ich irgendetwas anfangen kann.
Und dann passiert das: ADHS sorgt dafür, dass ich keinen klaren Plan habe. Autismus sorgt dafür, dass mich das komplett blockiert. Die beiden kämpfen gegeneinander und ich stehe mittendrin, vor dem Kühlschrank, und komme nicht weiter.
An guten Tagen kann ich zehn Stunden durcharbeiten und vergesse dabei zu essen. An schlechten Tagen stehe ich im Bad und kann nicht entscheiden, ob ich zuerst Zähne putze oder mich anziehe.
Das ist nicht dramatisiert. Das ist einfach, wie es sich anfühlt.
Was mir wirklich geholfen hat
Ich habe aufgehört zu versuchen, besser in Entscheidungen zu werden. Stattdessen habe ich angefangen, so viele Entscheidungen wie möglich vorher zu treffen, an einem Moment wo der Kopf noch fit ist.
Nicht als großes Optimierungsprojekt. Ich habe einfach aufgeschrieben, was ich jeden Morgen mache. Jeden Schritt. Aufstehen, Bad, Zähne putzen, Sport, Frühstück. Das klingt banal, ich weiß. Aber wenn das einmal aufgeschrieben ist, muss ich es morgens nicht mehr entscheiden. Ich folge einfach dem Plan.
Das ist der Unterschied zwischen "Was mache ich jetzt?" und "Ich schaue kurz nach und mache dann einfach."
Dieser Unterschied ist riesig. Besonders an Tagen, wo der Kopf nicht mitmacht.
Der Autismus-Teil ist damit zufrieden, weil es keine Überraschungen gibt. Der ADHS-Teil ist damit zufrieden, weil es keine Entscheidungen mehr braucht, um anzufangen. Zum ersten Mal arbeiten die beiden in die gleiche Richtung, statt gegeneinander.
Was das konkret bedeutet
Ich öffne morgens mein System und sehe, was ansteht. Ich muss nicht priorisieren, nicht sortieren, nicht überlegen. Ich fange mit dem ersten Schritt an und hake ab.
Das hat meinen Alltag mehr verändert als jedes Produktivitätsbuch, das ich je angefangen und nach drei Tagen vergessen habe weiterzulesen.
Wenn du das kennst, was ich hier beschrieben habe, fang klein an. Schreib heute Abend auf, was du morgen früh sowieso machst. Jeden Schritt. Leg das irgendwo hin, wo du es morgens siehst.
Das ist der erste Schritt. Nicht mehr.
Wie ich das für mich weitergebaut habe, steckt in meinsystem.app. Du kannst es dir kostenlos anschauen.
