Vor ein paar Jahren dachte ich, Reizüberflutung heißt, in einer lauten Einkaufsstraße zu stehen und alles wird zu viel.
Heute weiß ich: Reizüberflutung passiert auch allein, in einer ruhigen Wohnung.
Manchmal sitze ich morgens mit meinem Kaffee am Schreibtisch, und mein Kopf läuft schon auf 120 Prozent.
Eine neue Funktion für meinsystem.
Ein YouTube-Kommentar, den ich noch beantworten wollte.
Ein Bug, den gestern jemand gemeldet hat.
Eine Rechnung.
Die Einkaufsliste.
Ein Video, das ich aufnehmen will.
Eine E-Mail, die ich seit drei Tagen vor mir herschiebe.
Und plötzlich fühlt sich selbst die einfachste Aufgabe unmöglich an. Nicht weil sie schwierig wäre, sondern weil alles gleichzeitig Aufmerksamkeit will.
So fühlt sich Overwhelm bei mir an
Von außen sieht man das meistens nicht. Ich sitze einfach da, starre auf den Bildschirm, scrolle durch YouTube oder laufe ziellos durch die Wohnung. Man könnte denken, ich mache gerade nichts.
In meinem Kopf passiert das Gegenteil. Es fühlt sich an, als würden zwanzig Menschen gleichzeitig mit mir reden und alle sofort eine Antwort erwarten. Je mehr ich versuche, Ordnung reinzubringen, desto chaotischer wird es.
Irgendwann macht mein Gehirn einfach dicht. Dann will ich mich hinlegen. Weil alles zu viel geworden ist.
Warum AuDHS so anstrengend sein kann
Ich habe ADHS und Autismus. Oft fühlt es sich an, als würden beide in unterschiedliche Richtungen ziehen.
Der ADHS-Teil nimmt alles wahr. Jede Idee, jede Benachrichtigung, jede Möglichkeit. Jedes neue Projekt fühlt sich interessant an. Der Autismus-Teil will das Gegenteil: Struktur, Vorhersehbarkeit, klare Abläufe, Ruhe.
Das Problem ist, dass der ADHS-Teil ständig neue Dinge anschleppt, die der Autismus-Teil danach verarbeiten muss. Irgendwann ist das System überlastet. Und dann entsteht dieser Overwhelm, den viele Menschen mit AuDHS kennen. Nicht wegen einer großen Katastrophe, sondern wegen hundert kleiner Dinge gleichzeitig.
Mein Gehirn hat kein natürliches Filtersystem
Etwas, das ich lange nicht verstanden habe: Viele Menschen filtern anscheinend automatisch, was gerade wichtig ist. Bei mir funktioniert das oft nicht.
Ein Bug in meiner App. Eine Nachricht auf Instagram. Der Gedanke an die Milch, die ich noch kaufen muss. Eine neue Geschäftsidee. Ein Geräusch vor dem Fenster. Mein Gehirn behandelt das manchmal alles gleichzeitig als wichtig.
Und genau das macht so müde. Nicht die Aufgabe selbst, sondern das permanente Sortieren.
Mein schlimmster Fehler
Ich habe jahrelang gedacht, ich müsste einfach härter werden. Mehr Disziplin, mehr Willenskraft, mehr Durchziehen. Wenn andere acht Stunden produktiv arbeiten, dann muss ich das auch schaffen.
Also habe ich versucht, mich durch den Overwhelm zu zwingen. Das Ergebnis war meistens noch mehr Overwhelm. Noch mehr Frust. Noch mehr Selbstzweifel.
Heute sehe ich das anders. Wenn mein Gehirn überlastet ist, brauche ich nicht mehr Druck.
Ich brauche weniger Input.
Was mir wirklich hilft
Alles aus dem Kopf holen
Das war wahrscheinlich die wichtigste Veränderung in meinem Leben. Früher wollte ich alles im Kopf behalten: Termine, Ideen, Aufgaben, Routinen, Einkäufe. Das funktioniert nicht. Zumindest nicht für mich.
Wenn ich merke, dass es zu viel wird, schreibe ich erstmal alles auf. Wirklich alles. Ohne Reihenfolge, ohne Struktur, ohne Bewertung. Einfach raus aus dem Kopf.
Danach fühlt es sich oft an, als hätte jemand zwanzig Browser-Tabs geschlossen.
Weniger Entscheidungen treffen
An schlechten Tagen sind Entscheidungen unglaublich anstrengend. Was esse ich? Was ziehe ich an? Womit fange ich an? Was ist am wichtigsten? Jede einzelne kostet Energie.
Deshalb lege ich heute so viel wie möglich vorher fest. Meine Morgenroutine, meine Arbeitsroutine, meine wiederkehrenden Aufgaben. Nicht weil ich perfekt organisiert bin, sondern weil ich weiß, wie teuer spontane Entscheidungen für mein Gehirn sind.
Nur den nächsten Schritt sehen
Wenn ich auf eine Liste mit fünfzig Aufgaben schaue, passiert oft gar nichts. Mein Gehirn blockiert.
Deshalb frage ich mich nicht mehr: Wie schaffe ich heute alles? Sondern: Was ist der nächste Schritt? Nur einer. Nicht der ganze Berg, nur der nächste Meter. Das macht einen riesigen Unterschied.
Reize bewusst reduzieren
Früher wollte ich einfach mehr aushalten. Heute reduziere ich Reize lieber, bevor es zu viel wird. Loops rein. Handy lautlos. Ein ruhiger Arbeitsplatz. Weniger Tabs, weniger offene Programme, weniger Dinge gleichzeitig.
Das klingt unspektakulär. Aber genau diese Kleinigkeiten verhindern oft, dass mein Kopf komplett überläuft.
Warum ich überhaupt meinsystem gebaut habe
Ehrlich gesagt habe ich meinsystem ursprünglich nicht gebaut, um ein Business aufzubauen. Ich habe es gebaut, weil ich selbst ständig überfordert war.
Weil ich es leid war, jeden Morgen wieder zu überlegen: Was muss ich heute machen? Was habe ich vergessen? Was ist wichtig? Was kommt als Nächstes?
Ich wollte ein System außerhalb meines Kopfes. Etwas, das die Informationen für mich hält. Etwas, das mir den nächsten Schritt zeigt, wenn mein Gehirn gerade keinen mehr findet.
Viele Funktionen in meinsystem sind aus genau solchen Momenten entstanden. Nicht aus Produktideen, sondern aus echten Problemen, die ich jeden Tag hatte.
Falls du das kennst
Wenn du gerade in diesem Overwhelm feststeckst: Versuch nicht, heute dein ganzes Leben zu reparieren. Versuch nicht, alle offenen Aufgaben zu lösen. Versuch nicht, produktiver zu werden.
Nimm dir einen Zettel und schreib alles auf, was gerade in deinem Kopf herumfliegt. Nur das.
Manchmal reicht das schon, damit wieder ein bisschen Ruhe einkehrt. Und manchmal beginnt genau dort der Weg zurück.
