Es ist abends, ich bin eigentlich fertig mit der Arbeit. Laptop zu, offiziell Feierabend.
Mein Kopf hat das nur nicht mitbekommen.
Da sind noch offene Loops von der Arbeit. Eine Sache, die ich nicht zu Ende gebracht habe. Eine Antwort, die ich noch geben wollte. Und solange die offen sind, komme ich nicht runter. Ich kann nicht abschalten, ich kann nicht schlafen. Ich muss diese Loops erst schließen, sonst kreisen sie einfach weiter.
Von außen sieht das aus wie jemand, der nicht loslassen kann. In Wirklichkeit ist es etwas anderes: Ich komme aus der einen Sache nicht raus, um in die nächste reinzukommen. In dem Fall in den Feierabend.
Das ist Aufgabenwechsel. Und mit Autismus ist genau das eines der Dinge, die mir den Alltag am meisten schwer machen.
Es ist nicht Sturheit, es ist der Wechsel selbst
Lange dachte ich, ich bin einfach unflexibel. Ein Kontrollfreak, der nicht aufhören kann. Andere klappen den Laptop zu und sind im Feierabend. Ich sitze noch eine Stunde da, innerlich gefangen in einer Sache, die offiziell längst vorbei ist.
Inzwischen verstehe ich: Das Problem ist nicht, dass ich nicht aufhören will. Das Problem ist der Wechsel selbst.
Nicht die alte Aufgabe ist schwer. Nicht die neue Aufgabe ist schwer. Der Sprung dazwischen ist schwer. Genau dieser Moment, in dem ich das eine verlassen und in das andere reingehen muss.
Und das ist ein Unterschied, der alles verändert, sobald man ihn einmal verstanden hat.
Warum der Wechsel mein Gehirn so viel kostet
Es gibt ein Konzept, das mir das zum ersten Mal richtig erklärt hat: Monotropismus.
Vereinfacht gesagt: Bei vielen autistischen Menschen ist Aufmerksamkeit eher ein tiefer Tunnel als ein breiter Scheinwerfer. Mein Gehirn bündelt fast alles auf einen Kanal. Wenn ich in einer Sache drin bin, bin ich richtig drin. Tief. Mit allem, was ich habe.
Das ist die schöne Seite. Hyperfokus, Tiefe, dieses komplette Aufgehen in einer Sache.
Die Kehrseite kommt genau dann, wenn ich wechseln soll. Denn wechseln heißt nicht "kurz woanders hinschauen". Wechseln heißt: diesen Tunnel komplett verlassen und woanders neu reingraben. Ich muss alles, was gerade offen ist, abbauen und an einer völlig anderen Stelle wieder von vorne aufbauen.
Für ein Gehirn, das nicht so tief tunnelt, ist Wechseln ein Schritt zur Seite. Für meins ist es ein kompletter Umzug.
Dazu kommt etwas, das man autistische Trägheit nennt. Das klingt nach Faulheit, ist aber das Gegenteil. Es bedeutet: Sobald ich in einem Zustand bin, bleibe ich da. Wenn ich ruhe, komme ich schwer ins Tun. Wenn ich tue, komme ich schwer wieder zur Ruhe. Anfangen ist schwer, aber Aufhören ist genauso schwer. Beide Übergänge kosten Kraft.
Das erklärt diese offenen Loops am Abend. Mein System läuft noch im Arbeitsmodus, und es von selbst runterzufahren ist echte Arbeit, nicht einfach ein Knopf, den ich drücke.
Reingerissen werden oder selbst aufhören. Beides ist schwer
Man könnte denken: Okay, dann ist es eben blöd, wenn jemand dich unterbricht. Aber es ist komplizierter.
Wenn es an der Tür klingelt, während ich mitten in etwas bin, ist das für mich Horror. Nicht, weil ich unhöflich bin. Sondern weil ich den Loop, in dem ich gerade stecke, nicht einfach beenden kann. Ich werde rausgerissen, und der Tunnel reißt mit ab. Was ich gerade im Kopf zusammengehalten habe, fällt in sich zusammen.
Aber, und das ist der Teil, den kaum jemand versteht: Selbst entscheiden, wann Schluss ist, fällt mir manchmal genauso schwer. Es ist nicht so, dass ich nur die Kontrolle behalten will. Auch wenn ich der bin, der den Schnitt machen müsste, schaffe ich es oft nicht sauber.
Reingerissen werden ist schlimm. Selbst aufhören ist auch schlimm. Es ist eben nicht die Unterbrechung an sich, die das Problem ist. Es ist der Wechsel.
Der Sprung von Sonntag auf Montag
Das Gleiche passiert mir im Großen.
Der Wechsel von Sonntag auf Montag ist für mich jede Woche eine kleine Hürde. Am Wochenende bin ich raus, in einem anderen Modus, und Montag soll ich plötzlich wieder rein. Rein in die Arbeit, in die Woche, in alles, was ansteht.
Andere schalten anscheinend einfach um. Ich muss mich erst wieder reingraben. Der Tunnel, in dem ich am Freitag war, ist über das Wochenende zugeschüttet, und Montagmorgen stehe ich davor und fange neu an zu buddeln.
Das ist kein Montagsblues. Das ist derselbe Mechanismus, nur über zwei Tage gestreckt.
Hin ist leicht, weg ist unmöglich
Eine Sache ist mir bei mir selbst klar aufgefallen: Es gibt sehr wohl Wechsel, die leicht sind.
Der Wechsel hin zu etwas, das mich interessiert, geht problemlos. Da springe ich sofort rein, ohne Widerstand.
Der Wechsel weg von etwas, in dem ich gerade drin bin, geht fast nie.
Das ist wichtig, weil es zeigt: Es liegt nicht daran, dass ich generell nicht wechseln kann. Es liegt daran, dass mein Gehirn den Tunnel, in dem es gerade steckt, nicht freiwillig verlässt. Rein ist ein Sog. Raus ist ein Kampf.
Wenn ADHS und Autismus sich beim Wechseln in die Quere kommen
Bei mir kommt noch dazu, dass ich nicht nur Autismus habe, sondern auch ADHS. Also AuDHS. Und gerade beim Thema Wechseln ziehen die beiden in unterschiedliche Richtungen.
Der ADHS-Teil will ständig wechseln. Jede neue Idee, jede Benachrichtigung, jedes interessantere Ding zieht mich weg von dem, was ich eigentlich tue. Wenn mich etwas langweilt, springt mein Kopf sofort woanders hin.
Der Autismus-Teil will genau das Gegenteil. Drin bleiben. Nicht gestört werden. Den Ablauf zu Ende bringen.
Das Ergebnis ist ein ständiges Hin und Her. Manchmal wechsle ich viel zu viel, weil der ADHS-Teil mich von einer Sache zur nächsten jagt. Und manchmal klebe ich komplett fest, weil der Autismus-Teil sich weigert, den Tunnel zu verlassen. Selten ist es genau richtig.
Diese beiden Seiten in mir machen das Wechseln nicht halb so schwer, sondern auf zwei verschiedene Arten schwer.
Was mir wirklich hilft: geplante Spontaneität
Lange habe ich versucht, einfach flexibler zu werden. Hat nicht funktioniert. Was wirklich geholfen hat, klingt erstmal paradox: Ich plane das Spontane ein.
Ich habe nämlich gemerkt, dass es einen riesigen Unterschied gibt zwischen echtem Spontan und geplantem Spontan.
Echtes Spontan ist der Albtraum. Jemand klingelt, ein Termin kommt aus dem Nichts, ich muss sofort raus aus dem, was ich tue. Das wirft mich um. Hinterher bin ich nicht nur gestört, sondern verwirrt und gereizt, obwohl es vielleicht sogar so geplant war.
Geplantes Spontan ist dagegen kein Problem. Wenn ich weiß, dass ich am Nachmittag Besuch bekomme, und das schon drei Tage vorher in meinem Plan steht, dann kann ich mich darauf einstellen. Mein Gehirn kann den Wechsel vorbereiten, statt überrumpelt zu werden.
Vier Dinge machen für mich den Unterschied:
Vorlauf. Wenn ein Wechsel ein paar Tage vorher feststeht, kann ich mich innerlich darauf zubewegen. Der Termin ist dann nicht eine Bombe, die plötzlich hochgeht, sondern etwas, auf das ich langsam zusteuere.
Puffer. Ich brauche mindestens 30 Minuten vor einem Termin als Puffer. Diese halbe Stunde ist nicht Trödelzeit, sie ist die Rampe, auf der ich aus der einen Sache rausfahre und in die nächste reinkomme. Ohne diese Rampe ist jeder Wechsel ein harter Aufprall.
Die Freiheit abzusagen. Das klingt komisch, aber zu wissen, dass ich absagen darf, nimmt enorm Druck raus. Oft sage ich gar nicht ab. Aber allein die Erlaubnis macht den Termin weniger bedrohlich.
Loops schließen, bevor ich wechsle. Wo es geht, bringe ich eine Sache zu einem sauberen Punkt, bevor ich rausgehe. Nicht unbedingt fertig, aber an einer Stelle, an der ich sie loslassen kann, ohne dass sie weiter in mir kreist.
Der gemeinsame Nenner: Ich versuche nicht mehr, im Moment des Wechsels stark zu sein. Ich baue den Wechsel vorher. An einem Tag, an dem ich noch Kapazität habe.
Was du heute ausprobieren kannst
Wenn du dich hier wiedererkennst, dann nimm dir nur eine Sache vor.
Beim nächsten Termin, der ansteht, plane nicht nur den Termin. Plane den Übergang. Trag dir einen Puffer davor ein, in dem du nichts Neues mehr anfängst, sondern nur das alte sauber beendest und ankommst.
Nicht: "15 Uhr Termin."
Sondern: "14:30 aufhören, runterkommen, fertig machen. 15 Uhr Termin."
Diese halbe Stunde ist genau der Teil, den dein Gehirn vielleicht nicht von allein hinbekommt. Also leg sie nach außen, dahin, wo du sie sehen kannst.
Mehr brauchst du erstmal nicht. Kein perfektes System. Nur einen geplanten Übergang statt eines harten Schnitts.
Genau dafür habe ich übrigens meinsystem.app gebaut. Ein System, in dem nicht nur die Termine stehen, sondern auch die Übergänge dazwischen, damit ich den Wechsel nicht jedes Mal im Kopf stemmen muss. Du kannst es dir kostenlos anschauen.
Und falls du beim Lesen gedacht hast "das kenne ich", dann passt vielleicht auch das hier zu dir: warum ich Termine vergesse, obwohl ich sie sehe, habe ich in Zeitblindheit mit AuDHS aufgeschrieben. Und wie ich meinen Alltag überhaupt strukturiert bekomme, steht in AuDHS Alltag strukturieren.
Du bist nicht stur
Zum Schluss noch das hier, weil ich es selbst lange gebraucht hätte:
Du bist nicht stur, wenn dir Wechsel schwerfallen. Du bist nicht unflexibel, nicht kontrollsüchtig, nicht zu empfindlich.
Dein Gehirn geht tief, statt breit. Es bleibt, wo es ist, weil das Verlassen echte Arbeit ist. Das ist kein Fehler in dir. Das ist die Art, wie du funktionierst.
Du musst nicht lernen, ein Gehirn zu haben, das mühelos hin und her springt. Du darfst dir stattdessen das Drumherum so bauen, dass die Sprünge kleiner werden. Mit Vorlauf. Mit Puffer. Mit der Erlaubnis, dass nicht jeder Wechsel sofort klappen muss.
Sei geduldig mit dir, während du das lernst.
Gib dich nicht auf.

