Glaube mit AuDHS. Warum du kein schlechter Christ bist
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Glaube mit AuDHS. Warum du kein schlechter Christ bist

Max Anton Schneider·

Ich bin dieses Jahr aus meiner Gemeinde ausgetreten.

Nicht, weil mein Glaube weg ist. Sondern weil ich es neben Arbeit, Haushalt und allem anderen, was so ein Leben mit sich bringt, einfach nicht mehr geschafft habe. Und ich kenne dieses Gefühl danach genau: „Ich bin ein schlechter Christ, weil ich nicht bei allem dabei sein kann."

Falls du das auch kennst, dann ist das Erste, was ich dir sagen will: Du bist damit nicht allein. Und nichts davon macht dich zu einem schlechten Christen.

Ich schreibe das aus eigener Erfahrung. Ich habe AuDHS, also die Kombination aus Autismus und ADHS. Vieles von dem, was im Gemeindeleben selbstverständlich klingt, kostet mich ein Vielfaches an Kraft. Lange habe ich gedacht, das liegt an mir. Heute glaube ich: Es liegt an einem Gehirn, das anders tickt, und an Erwartungen, die nicht für so ein Gehirn gemacht sind.

Der Sonntag ist nicht das Problem mit deinem Glauben

Der Lärm. Die Gerüche. Das Licht. Der Smalltalk. Das Lächeln-Müssen. Dieses „Wie geht es dir", das man zum hundertsten Mal mit „gut" beantwortet, obwohl gar nichts gut ist.

Für mich ist das oft der pure Horror, und es ist unfassbar anstrengend. Ich bin von der Woche eh schon fertig, und dann liegt der Sonntag obendrauf wie ein letzter Stein, der gerade noch fehlt. An vielen Sonntagen schaffe ich das nicht.

Das ist kein schwacher Glaube. Das ist ein Gehirn, das die ganze Woche am Limit läuft und irgendwann nichts mehr übrig hat. Wenn du an Jesus glaubst, bist du sein Kind. Das hängt nicht daran, wie voll dein Akku am Sonntagmorgen ist.

Gemeinschaft im Kleinen

Ich glaube trotzdem, dass Gemeinschaft wichtig ist. Aber sie muss in einem Rahmen stattfinden, der für dich funktioniert. Bei mir ist das ein Hauskreis in ganz kleiner Runde.

Ehrlich gesagt ist auch das oft ein Opfer. Ich wäge jedes Mal ab, ob ich noch die Kraft habe hinzugehen. Der Unterschied ist: Die Menschen dort wissen, dass ich AuDHS habe. Wenn ich früher gehen muss, weil ich platt bin, sage ich das einfach, und es ist okay. Ich muss dort nicht maskieren.

Das ist für mich der Schlüssel. Ein Ort, an dem du nicht den ganzen Abend ein Gesicht aufsetzen musst, das nicht deins ist. So einen Ort zu finden ist nicht leicht, ich weiß. Aber es ist möglich.

Für mich ist dieser Hauskreis inzwischen meine „Gemeinde". Und ich finde das Bild sogar näher am Ursprung als das, was wir heute oft Gemeinde nennen, wo alle gemeinsam auf eine Person auf einer Bühne schauen. Damals haben sich die Geschwister im Kleinen in den Häusern getroffen.

Und wenn ich einlade, sage ich direkt: Ich kann nichts vorbereiten. Wer etwas auf dem Herzen hat, bringt was mit. Jedes Mal wird daraus ein reich gedeckter Tisch.

Gebet ist eine Beziehung, kein Termin

Wenn mich heute jemand bittet, für ihn zu beten, sage ich direkt: „Ich bete jetzt gleich hier für dich, sonst vergesse ich es." Das nimmt mir den Druck. Wenn dir das zu direkt ist, geht auch: „Ich bete für dich, wenn ich daran denke." Dann musst du dich nicht schlecht fühlen, falls es nicht sofort passiert.

Diese feste 30-Minuten-Gebetszeit am Morgen ist für viele mit AuDHS eher kontraproduktiv. Ich rede mit Gott den ganzen Tag, spontan, immer wenn mir etwas auf dem Herzen liegt. Ich glaube, das bildet ein Leben mit Gott besser ab als ein Slot im Kalender. Es geht um eine Beziehung, nicht um einen Termin.

Bibel lesen ohne Gesetz

Beim Bibellesen hilft mir die Audiobibel enorm. Ich höre sie und lese nebenbei mit. Ohne Audio fällt es mir unglaublich schwer. Ich habe dafür eine feste Stelle im Tag, aber kein Gesetz daraus gemacht.

Und ganz klar: Du bist kein schlechter Christ, wenn du nicht jeden Tag liest. Ja, durch die Bibel spricht Gott zu uns, und das ist wertvoll. Aber er spricht auch durch Menschen, durch die Natur, durch einen kleinen Impuls. Wenn du Gott eher im Wald, in einem Gespräch, in einer Geschichte oder in der Kunst findest als im klassischen Bibellesen, dann ist das kein Defizit. Das ist deine Art, ihm zu begegnen. Er hat all das gemacht.

Regeln, die keinen Sinn ergeben

Wenn eine Regel für mich keinen Sinn ergibt, finde ich mich schwer rein, und „das steht halt so in der Bibel" reicht mir nicht. Ich glaube, das ist okay. Gott hat dir einen Verstand gegeben, und du darfst ihn benutzen. Fragen zu stellen ist kein Ungehorsam, sondern Teil einer ehrlichen Beziehung.

Bibelstellen kann man unterschiedlich auslegen, vieles muss man im Kontext lesen. Wer behauptet, es gäbe immer nur eine richtige Lesart, macht es sich zu einfach. Gott sucht keine Marionette, die alles abnickt, sondern dich, mit deinem Kopf und deinem Herzen.

So bestehet nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasset euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen.

Galater 5,1 (Luther 1912)

Angst, Zwänge und die Sache mit der Therapie

Dass bei AuDHS oft Ängste und depressive Phasen dazukommen, ist leider so. Ich hatte lange mit Zwängen und Ängsten zu kämpfen. Themen wie Hölle, Sünde oder Endzeit können das verstärken, wenn dein Kopf eh schon zur Angst neigt.

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht.

  1. Timotheus 1,7 (Luther 1912)

Mir hilft der Gedanke, dass Gott uns nicht den Geist der Furcht gegeben hat, sondern den der Liebe. Wenn ein Gedanke dich nur kleiner, ängstlicher und schuldiger macht, dann kommt der ziemlich sicher nicht von ihm.

Und ganz deutlich: Sich bei Angst oder Depression Hilfe zu holen, zum Beispiel über eine Therapie, ist kein Mangel an Glauben. Gott und Hilfe von außen schließen sich nicht aus. Du musst das nicht allein durchstehen.

Nein sagen ist keine Sünde

Früher habe ich in der Gemeinde extrem viel mitgemacht und zu allem Ja gesagt. Bis zum totalen Burnout, bis wirklich nichts mehr ging. Heute schaffe ich das nicht mehr, weil Alltag und Arbeit schon meine ganze Kraft fressen.

Ich habe gelernt: Gott braucht deinen Burnout nicht. Er will dich nicht ausgebrannt, sondern heil. Nein sagen ist Selbstfürsorge, und die ist erlaubt. Deine Grenzen sind keine Schwäche. Sie sind ein ehrliches Maß für das, was gerade geht.

Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Matthäus 11,28 (Luther 1912)

Der Punkt, auf den es ankommt

Mit AuDHS fühlt man sich sowieso ständig wie der größte Versager. Deshalb sage ich es so deutlich, wie ich kann: Dein Wert vor Gott hängt nicht daran, wie gut du funktionierst.

Gott akzeptiert dich nicht, weil du es schaffst, ein „guter" Christ zu sein. Er akzeptiert dich, weil du sein Kind bist. Das ist längst entschieden, nicht durch deine Leistung, sondern durch das, was Jesus getan hat. An schlechten Tagen, an denen gar nichts geht, bist du genauso sein Kind wie an guten. Deine Vergesslichkeit, deine Müdigkeit, deine Grenzen ändern daran nichts.

Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, daß wir Gottes Kinder sollen heißen!

  1. Johannes 3,1 (Luther 1912)

Du musst nicht der Christ sein, den andere von dir erwarten. Du darfst der Mensch sein, als den Gott dich gemacht hat. Mit AuDHS, mit deinen Grenzen, mit deinem anderen Gehirn. Nichts davon trennt dich von ihm.

Und du bist nicht allein. Du hast dich vielleicht zurückgezogen, weil es zu viel war, und das ist verständlich. Aber Gemeinschaft muss nicht bedeuten, dass du dich kaputt machst. Sie darf in einem Rahmen stattfinden, der für dich funktioniert.

Du machst das gut. Gib dich nicht auf.

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