Rejection Sensitive Dysphoria: Warum Kritik sich für mich anfühlt wie ein Schlag
AuDHSPersönlichADHSAutismus

Rejection Sensitive Dysphoria: Warum Kritik sich für mich anfühlt wie ein Schlag

Max Anton Schneider, Gründer von meinsystem.app
Max Anton Schneider
·

Jemand hat unter einem meiner YouTube-Videos einen Kommentar geschrieben. Freundlich, hilfreich, gut gemeint. Sinngemäß: „Cool. Wäre noch besser, wenn die Kamera ein bisschen ruhiger wäre."

Das ist es, was die Person gesagt hat.

Das ist, was ich gehört habe: Die Person hasst mich. Meine Videos sind schlecht. Niemand will sich das anschauen. Ich mache alles falsch, und es wird nie besser werden.

Zwischen dem einen Satz und diesem ganzen Absturz lagen ungefähr zwei Sekunden.

Das hat einen Namen. Es heißt Rejection Sensitive Dysphoria.

Das Wichtigste in Kürze

  • Rejection Sensitive Dysphoria, kurz RSD, bedeutet, dass Zurückweisung oder Kritik dich unverhältnismäßig hart trifft. Wie ein Schlag, nicht wie ein Gedanke.
  • Die Reaktion ist viel größer als der Auslöser. Ein kleiner Hinweis, und dein Kopf macht daraus „alle hassen mich".
  • RSD ist keine offizielle Diagnose, sondern ein Begriff aus der ADHS-Community.
  • Was mir hilft: kurz innehalten, atmen, und trennen, was wirklich gesagt wurde von dem, was mein Kopf daraus macht.

Was mit RSD gemeint ist

RSD bedeutet, dass Ablehnung dich nicht nur ärgert oder verletzt, sondern regelrecht umhaut. Ein kritischer Blick, eine nicht beantwortete Nachricht, ein Feedback, das eigentlich nett gemeint war. Und in dir bricht etwas ein, das in keinem Verhältnis zu dem steht, was gerade passiert ist.

Bei meinem YouTube-Kommentar lief das so ab: Ich lese ihn ein zweites Mal. Dann ein drittes. Dann öffne ich das Video und achte plötzlich nur noch auf die wackelige Kamera. Die anderen, positiven Kommentare darunter sehe ich in dem Moment kaum noch. Aus einem netten Tipp ist innerhalb von Sekunden der Beweis geworden, dass ich nicht liebenswert bin.

Wichtig, und das sage ich ganz direkt: RSD steht in keinem offiziellen Diagnosekatalog. Es ist kein Fachbegriff aus einem Lehrbuch, sondern ein Wort, das in der ADHS-Community entstanden ist, um ein Gefühl zu beschreiben, das viele von uns kennen. Ich schreibe hier nicht als Experte, sondern als jemand, der das jeden Tag mit sich rumträgt.

Und dann die Dusche

Wenn es nur dieser eine Moment wäre, wäre es auszuhalten.

Aber es geht danach erst richtig los. Ich stehe unter der Dusche, und die Situation läuft wieder ab. Und wieder. Ich spiele sie durch, ich drehe sie, ich versuche sie zu fixen. Was hätte ich sagen sollen. Was denkt die Person jetzt über mich. Manchmal stundenlang, manchmal über Tage.

Ich bin dann nicht mehr im Jetzt, sondern in einer Endlosschleife, die sich um einen einzigen Satz dreht, den außer mir längst niemand mehr im Kopf hat.

Wie ich die Kombination aus ADHS und Autismus dabei erlebe

Ich habe ADHS und Autismus gleichzeitig, also AuDHS. Bei mir fühlt es sich so an, als würden die beiden an dieser Stelle ziemlich ungünstig zusammenarbeiten.

Die erste Reaktion kommt extrem schnell. Kein Nachdenken, kein Puffer, einfach sofort dieser Absturz. Und danach hängt mein Kopf an der Situation fest und spielt sie immer wieder durch.

Ich kann ehrlich gesagt nicht genau sagen, welcher Teil davon vom ADHS kommt und welcher vom Autismus. Vielleicht ist die schnelle Reaktion eher das ADHS und das lange Festhängen eher der Autismus. Vielleicht ist es auch alles vermischt. Aber die Kombination macht es für mich besonders schwer, wieder loszulassen. Vereinfacht gesagt: Es zündet schnell und brennt lange nach.

Das ständige Festhängen kenne ich übrigens auch von anderen Dingen. Wenn mein Kopf einmal in einem Tunnel steckt, verlässt er ihn nicht freiwillig. Darüber habe ich beim Aufgabenwechsel geschrieben. Nur ist der Tunnel diesmal kein Arbeitsthema, sondern ein verletzendes Gefühl.

Dazu kommt noch etwas. Als autistischer Mensch verstehe ich soziale Signale manchmal nicht richtig oder lese etwas rein, das gar nicht da war. Ich analysiere ständig Gesichter und merke sofort, wenn jemand etwas nicht gut fand. Manchmal auch dann, wenn gar nichts war. Und ich glaube, wenn man als neurodivergenter Mensch über die Jahre so viele Erfahrungen von Anecken und Korrigiertwerden gesammelt hat, wird man doppelt empfindlich für das kleinste Zeichen von Ablehnung.

Was RSD mich als Creator kostet

Ich merke bei mir, dass die Angst vor Kritik oft schlimmer ist als die Kritik selbst.

Ich veröffentliche ein Video oder ein neues Feature und bin danach nicht stolz oder erleichtert. Ich suche sofort nach Anzeichen dafür, dass es jemand schlecht finden könnte. Jedes Video, jede Nachricht, jedes Feature ist eine Einladung an die Welt, mich abzulehnen.

Ein Teil von mir will deshalb ständig verschieben, glätten, zurückhalten. Bloß nichts riskieren. Und genau das kostet mich am meisten. Nicht der einzelne Kommentar, sondern dass ich bei allem, was ich tue, innerlich schon auf die Ablehnung warte, statt einfach im Moment zu sein.

Was mir wirklich hilft

„Nimm es einfach nicht so persönlich" ist kein Rat, der bei RSD funktioniert. Das Gefühl ist zu schnell und zu stark, als dass ich es einfach wegdenken könnte. Was bei mir trotzdem etwas verändert hat, ist etwas anderes.

Ich versuche, in dem Moment nicht sofort zu reagieren. Kurz stoppen, tief atmen, nichts schreiben, nichts entscheiden. Die erste Welle ist immer die heftigste und gleichzeitig die unzuverlässigste.

Danach gehe ich die Situation nochmal durch, aber nüchtern. Was wurde wirklich gesagt, und was habe ich dazugedichtet? Bei dem Kommentar: Gesagt wurde etwas über die Kamera. Nicht gesagt wurde, dass die Person mich hasst oder dass niemand meine Videos sehen will. Das habe ich alles selbst hinzugefügt.

Und wenn ich mich dabei erwische, wie ich etwas reininterpretiere, das gar nicht gesagt wurde, versuche ich, es bewusst sein zu lassen. Die Gedanken kommen trotzdem, und sie fühlen sich echt an. Aber ich muss sie nicht bestätigen. Es sind nur Gedanken. Es ist nicht das, was die Person gesagt hat.

Das klappt nicht immer. An manchen Tagen bin ich zu platt, um diesen Abstand herzustellen, und dann läuft die Dusch-Schleife trotzdem. Das ist okay.

Was du heute ausprobieren kannst

Wenn du dich hier wiedererkennst, dann probier beim nächsten Mal, wenn dich etwas trifft, eine einzige Sache aus. Schreib zwei Sätze auf.

Erstens: Was wurde tatsächlich gesagt? Nur die Fakten.

Zweitens: Was hat mein Kopf daraus gemacht?

Und dann schau dir die beiden nebeneinander an. Bei mir ist der Abstand fast immer riesig. „Die Kamera könnte ruhiger sein" gegen „alle hassen mich". Das schwarz auf weiß zu sehen, nimmt der zweiten Version ein Stück von ihrer Macht.

Mehr brauchst du erstmal nicht. Nur diesen einen Abstand zwischen dem, was war, und dem, was dein Kopf daraus gebaut hat.

Häufige Fragen zu RSD

Ist RSD eine offizielle Diagnose?

Nein. RSD steht in keinem offiziellen Diagnosekatalog wie ICD oder DSM. Der Begriff kommt aus der ADHS-Community und beschreibt ein reales Erleben, ist aber keine anerkannte medizinische Diagnose. Wenn dich das Thema stark belastet, ist eine fachliche Abklärung sinnvoll.

Was kann ich in dem Moment tun, wenn es mich trifft?

Mir hilft, nicht sofort zu reagieren, sondern kurz innezuhalten und zu atmen. Danach trenne ich, was wirklich gesagt wurde, von dem, was mein Kopf daraus gemacht hat. Die Gedanken, die ich mit dem Gesagten nicht belegen kann, versuche ich nicht zu glauben, auch wenn sie sich stark anfühlen.

Kann RSD auch ohne ADHS vorkommen?

Der Begriff stammt ursprünglich aus dem ADHS-Kontext, aber viele Menschen mit Autismus oder anderen Voraussetzungen erleben eine ähnliche Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung. Bei AuDHS, also der Kombination aus beidem, kann es sich besonders zäh anfühlen, weil die schnelle Reaktion und das lange Festhängen zusammenkommen.

Zum Schluss

Ich schreibe das alles nicht, weil ich RSD inzwischen im Griff hätte. Während ich diesen Beitrag schreibe, weiß ich genau, dass mich der nächste kritische Kommentar wieder treffen kann. Vielleicht sitze ich danach wieder in der Dusche und führe ein Gespräch weiter, das in Wirklichkeit längst vorbei ist.

Aber inzwischen erkenne ich manchmal früher, was gerade passiert. Ich kann mir sagen: Das war ein Kommentar über meine Kamera. Nicht über meinen Wert als Mensch.

Manchmal hilft das. Manchmal noch nicht. Aber allein dieser kleine Abstand ist mehr, als ich früher hatte.

Gib dich nicht auf.

Tags

#rejection-sensitive-dysphoria#rsd#emotionale-dysregulation#zurückweisung#audhs#neurodivergent