In meinem Kopf entstehen zehn neue Ideen gleichzeitig.
Eine neue Funktion für meinsystem. Ein Video, das ich aufnehmen könnte. Ein Problem, das ich sofort lösen will. Noch eine kleine Verbesserung, die plötzlich viel wichtiger wirkt als alles, was ich eigentlich vorhatte.
Das ist die eine Seite.
Die andere Seite sitzt noch bei der Aufgabe von gestern. Da ist ein offener Loop, den ich nicht sauber abgeschlossen habe. Solange er offen ist, kreist er weiter. Ich kann nicht richtig aufhören, aber auch nicht entspannt etwas Neues anfangen.
Also will ein Teil von mir sofort in zehn Richtungen laufen. Und ein anderer Teil will keinen einzigen Schritt weitergehen, bevor die aktuelle Sache wirklich abgeschlossen ist.
Lange dachte ich, diese Widersprüche würden bedeuten, dass ich mich selbst einfach nicht verstehe. Heute weiß ich: Ich habe ADHS und Autismus. Und manchmal merke ich beide nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.
Der Vergleich trifft etwas. Aber er ist kein Test
Vielleicht kennst du solche Gegenüberstellungen aus kurzen Videos:
Bei ADHS willst du zehn Projekte anfangen. Bei Autismus willst du eine Sache erst richtig abschließen. Bei ADHS suchst du Reize. Bei Autismus werden dieselben Reize irgendwann zu viel. Bei ADHS redest du, bevor der Gedanke weg ist. Bei Autismus gehst du Gespräche vorher im Kopf durch und findest im Moment trotzdem nicht die richtigen Worte.
Solche Vergleiche können hilfreich sein, weil man sich plötzlich in etwas wiedererkennt. Sie können aber auch so wirken, als gäbe es zwei klare Schubladen. Links ADHS. Rechts Autismus. Und man müsse nur zählen, auf welcher Seite mehr Punkte stehen.
So einfach ist es nicht.
ADHS und Autismus sind unterschiedlich, überschneiden sich aber in manchen sichtbaren Verhaltensweisen. Außerdem erlebt nicht jeder Mensch ADHS oder Autismus gleich. Eine einzelne Eigenschaft sagt deshalb noch nichts über eine Diagnose aus. Dafür braucht es ein Gesamtbild, die Entwicklung seit der Kindheit und eine fachliche Abklärung.
Für mich ist der Vergleich trotzdem wertvoll. Nicht als Test, sondern als Sprache für die Gegensätze, die ich jeden Tag in mir erlebe.
Zehn neue Projekte oder eine Sache abschließen?
Mein ADHS liebt den Anfang.
Eine neue Idee hat Energie. Sie ist noch voller Möglichkeiten, noch nicht mühsam und noch nicht langweilig. Deshalb kann eine neue Funktion für meinsystem in meinem Kopf innerhalb von Minuten riesig werden. Plötzlich sehe ich, wie sie aussehen könnte, was sie lösen würde und was ich dafür alles bauen müsste.
Das Problem: Die alte Aufgabe ist dadurch nicht verschwunden.
Mein Autismus-Teil kommt aus ihr oft nicht einfach heraus. Wenn etwas offen bleibt, läuft es innerlich weiter. Selbst wenn ich den Laptop zuklappe, ist mein Kopf noch bei dem Bug, der Antwort oder dem Detail, das nicht fertig geworden ist. Der Wechsel in die nächste Aufgabe oder sogar in den Feierabend kostet mich echte Kraft.
Das Ergebnis ist nicht die perfekte Mischung aus Kreativität und Ausdauer. Oft ist es eher ein Stau. Neue Ideen drängen von hinten, während der offene Loop vorne die Straße blockiert.
Ich kann dann weder die alte Sache ruhig abschließen noch die neue Idee einfach vergessen.
Reize suchen oder vor Reizen fliehen?
Bei mir war Musik lange der schnellste Weg zu Stimulation.
Handy auf. Kopfhörer rein. Musik an. Mein Gehirn war sofort beschäftigt. Gerade morgens war das viel leichter als Sport, Ruhe oder irgendeine Aufgabe, die erst nach ein paar Minuten etwas zurückgibt.
Gleichzeitig bin ich sehr reizempfindlich. Geräusche, Licht, Nachrichten, offene Tabs und Gedanken können sich so lange stapeln, bis mein Kopf dichtmacht. Dann helfen mir keine motivierende Playlist und kein Podcast mehr. Dann brauche ich Loops, ein lautloses Handy, weniger Programme und manchmal einfach Stille.
Auch das wirkt von außen widersprüchlich. Eben wollte ich noch unbedingt Input. Kurz danach ertrage ich kaum noch welchen.
Für mich ist beides wahr. Mein ADHS sucht schnelle Stimulation. Mein autistisches Nervensystem kann von genau dieser Stimulation überlastet werden. Entscheidend ist nicht nur, welcher Reiz da ist, sondern auch wie viele es schon waren und wie viel Kapazität ich an diesem Tag noch habe.
Sofort reden oder das Gespräch vorher durchspielen?
In Gesprächen merke ich denselben Konflikt.
Manchmal muss ein Gedanke sofort raus, weil ich Angst habe, ihn sonst zu verlieren. Innerlich renne ich jedem Satz hinterher, halte mehrere Antworten fest und versuche gleichzeitig, dem Gespräch weiter zu folgen. Stillzusitzen und ruhig zu wirken kostet dabei zusätzliche Energie.
In anderen Situationen bereite ich Gespräche vorher im Kopf vor. Was sage ich zuerst? Wie könnte die andere Person reagieren? Was antworte ich dann? Ein spontaner Anruf kann mich trotzdem so überrumpeln, dass die vorbereiteten Worte plötzlich nicht erreichbar sind.
Und wenn ich überreizt oder erschöpft bin, wird Reden insgesamt schwer. Dann kann ich nicht kurz antworten oder mal eben etwas erklären. Nicht weil ich nichts zu sagen hätte. Mein Kopf kommt nur nicht schnell genug an die Stelle, an der die Worte liegen.
Das eine hebt das andere nicht auf. Schnell und viel reden zu können bedeutet nicht, dass Kommunikation immer leicht ist. Ein Gespräch vorzubereiten bedeutet nicht, dass man im entscheidenden Moment automatisch sprechen kann.
Dinge vergessen und Details trotzdem nie loslassen
Ich habe Schlüssel liegen lassen, Termine vergessen und im Hyperfokus Essen, Trinken und Zeit aus dem Blick verloren.
Gleichzeitig kann ich mich stundenlang in ein Detail meiner App eingraben. Eine kleine Unstimmigkeit bleibt dann in meinem Kopf, bis sie gelöst ist. Nicht alles ist wichtig. Aber mein Gehirn verteilt Wichtigkeit nicht immer so, wie mein Kalender oder mein Körper es gebrauchen könnten.
Das ist für mich weniger ein Widerspruch zwischen schlechtem und gutem Gedächtnis. Es ist ein Unterschied darin, was mein Kopf festhält und was er nicht zuverlässig in eine Handlung übersetzt.
Ich kann wissen, dass um 15 Uhr ein Termin ist, und trotzdem nicht spüren, dass ich jetzt losgehen muss. Ich kann wissen, dass Trinken wichtig ist, und es im Hyperfokus trotzdem vergessen. Gleichzeitig bleibt ein offenes Detail von gestern so präsent, dass ich abends nicht abschalten kann.
Diese ungleichmäßige Aufmerksamkeit ist schwer zu erklären, wenn man sie nicht selbst erlebt.
Was passiert, wenn beide Seiten gleichzeitig da sind
ADHS und Autismus können gemeinsam auftreten. Manche Menschen nennen diese Kombination AuDHS oder auf Englisch AuDHD.
Für mich fühlt sich das nicht an wie fünfzig Prozent ADHS und fünfzig Prozent Autismus. Es ist auch kein sauberer Wechsel, bei dem morgens das eine und abends das andere übernimmt.
Es ist eher so:
Ich brauche feste Abläufe und langweile mich an ihnen.
Ich will spontan einer neuen Idee folgen und werde von spontanen Änderungen überfordert.
Ich suche Input und brauche Ruhe.
Ich verliere den Faden und kann einen offenen Loop trotzdem nicht loslassen.
Ich will einen klaren Plan und wehre mich manchmal gegen den Plan, sobald er sich wie eine Forderung anfühlt.
Genau deshalb haben klassische Produktivitätssysteme bei mir oft nur ein paar Tage funktioniert. Sie haben meistens eine Seite bedient. Entweder maximale Freiheit oder maximale Struktur. Mein Kopf braucht aber beides.
Was mir im Alltag wirklich hilft
Ich versuche heute nicht mehr herauszufinden, welche Seite gerade recht hat. Ich baue meinen Alltag so, dass beide weniger gegeneinander arbeiten müssen.
Neue Ideen bekommen einen Parkplatz. Ich muss sie nicht sofort umsetzen, aber ich muss sie auch nicht im Kopf festhalten. Ich schreibe sie auf und kann zur aktuellen Sache zurückkehren.
Der nächste Schritt bleibt sichtbar. Keine Liste mit fünfzig gleich wichtigen Aufgaben. Nur das, was jetzt dran ist. Das hilft meinem ADHS beim Einstieg und meinem Autismus bei der Klarheit.
Offene Loops bekommen einen sauberen Haltepunkt. Nicht alles muss am selben Tag fertig werden. Aber ich notiere, wo ich aufgehört habe und was als Nächstes kommt. Dann muss mein Kopf die Aufgabe nicht die ganze Nacht offenhalten.
Reize werden bewusst gewählt. Musik ist nicht schlecht und Stille ist nicht immer besser. Ich frage mich nur öfter: Hilft mir dieser Reiz gerade oder füllt er automatisch jede freie Sekunde? Wenn mein System schon voll ist, reduziere ich Input früher.
Übergänge gehören in den Plan. Vor Terminen brauche ich Puffer. Nach tiefem Fokus brauche ich Zeit zum Wechseln. Diese Minuten sind kein Leerlauf, sondern ein Teil der Aufgabe.
Wiederkehrendes wird einmal entschieden. Meine Morgenroutine, meine Essentials und feste Abläufe stehen bereits da. An einem schlechten Tag muss ich sie nicht neu erfinden.
Aus genau diesen Erfahrungen ist meinsystem.app entstanden. Routinen, Aufgaben, Termine und Ziele liegen dort an einem Ort. Nicht damit ich jeden Tag mehr schaffe, sondern damit mein Kopf weniger gleichzeitig tragen muss.
Ein kleiner Schritt, den du heute ausprobieren kannst
Nimm ein Blatt Papier und zieh eine Linie in die Mitte.
Links schreibst du: Das zieht mich ständig woanders hin.
Rechts schreibst du: Daran bleibe ich innerlich hängen.
Dann notierst du auf jeder Seite nur drei Dinge. Keine Diagnose, keine komplette Lebensanalyse. Nur eine kleine Beobachtung deines Alltags.
Vielleicht siehst du danach nicht sofort eine Lösung. Aber du erkennst, an welcher Stelle dein System gleichzeitig mehr Freiheit und mehr Halt braucht.
Genau dort kannst du anfangen. Nicht mit einem perfekten Plan. Mit einem Parkplatz für neue Ideen, einem sichtbaren nächsten Schritt oder zehn Minuten Puffer vor dem nächsten Wechsel.
Du musst dich nicht für eine Seite entscheiden
Wenn du dich in beiden Seiten wiedererkennst, bedeutet das nicht automatisch, dass du ADHS und Autismus hast. Ein kurzer Vergleich im Internet kann das nicht klären.
Aber du musst deine Erfahrungen auch nicht kleinreden, nur weil sie sich widersprechen.
Du kannst Struktur brauchen und trotzdem nach Neuem suchen. Du kannst viel reden und trotzdem Schwierigkeiten mit Kommunikation haben. Du kannst Reize suchen und von ihnen überfordert werden. Du kannst Dinge vergessen und andere Details jahrelang mit dir herumtragen.
Für mich war die wichtigste Erkenntnis nicht, welche Seite stärker ist.
Es war die Erkenntnis, dass beide Seiten zu mir gehören. Und dass ich meinen Alltag nicht gegen meinen Kopf bauen muss.
Ich darf ein System bauen, das beides mitdenkt.
Quellen und weiterführende Einordnung
- NICE: Autismus bei Erwachsenen beschreibt unter anderem Unterschiede bei Flexibilität, sensorischer Verarbeitung und Emotionsregulation sowie die große individuelle Bandbreite.
- NICE: Empfehlungen zur Diagnostik und Unterstützung betont ein umfassendes Assessment, mögliche gleichzeitig auftretende neuroentwicklungsbezogene Bedingungen und die Bedeutung von Klarheit, Struktur und sensorischen Anpassungen.
- CDC: ADHS bei Erwachsenen ordnet Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, längeren Aufgaben, Organisation und innerer Unruhe ein.
Dieser Beitrag beschreibt meine persönliche Erfahrung. Er ersetzt keine medizinische oder psychologische Diagnostik.

