Während der Corona-Pandemie hatte ich große Angst, mich anzustecken oder andere Menschen zu infizieren.
Es ging nicht nur darum, vorsichtig zu sein. In meinem Kopf stand viel mehr auf dem Spiel: Wenn ich nicht gut genug aufpasse, könnte wegen mir jemand sterben.
Also wusch ich meine Hände. Immer wieder.
Aber die Angst ließ mich nicht los. Ich hatte weiter das Gefühl, besonders aufpassen zu müssen, damit nicht wegen mir ein Mensch stirbt.
Damals wusste ich nicht, dass ich autistisch bin. Meine ADHS-Diagnose war bekannt. Dass hinter diesen endlosen Schleifen eine Zwangsstörung steckte, verstand ich erst später – nachdem ich drei Tage lang nicht schlafen konnte, einen Psychiater aufsuchte und zwei Monate in einer Tagesklinik verbrachte.
Heute kommen noch immer Ängste und Zwangsgedanken. Aber sie bestimmen nicht mehr mein ganzes Leben.
Darum geht es in diesem Artikel: nicht um eine perfekte Heilungsgeschichte, sondern um meinen Weg zu mehr Freiheit.
Inhaltshinweis: Ich spreche über Angst vor Ansteckung, religiöse Zwangsgedanken, Angst vor Hölle und Verwerfung sowie einen ungewollten gewalttätigen Gedanken. Dieser Text ersetzt keine Diagnose oder Behandlung.
OCD ist nicht einfach Ordnungsliebe
OCD ist die englische Abkürzung für Obsessive-Compulsive Disorder. Auf Deutsch heißt es Zwangsstörung.
Viele Menschen denken bei OCD zuerst an Ordnung, Sauberkeit oder Dinge, die genau ausgerichtet sein müssen. Das kann vorkommen. Aber OCD ist viel mehr als das.
Bei mir fühlte es sich so an:
- Ein Gedanke tauchte auf.
- Der Gedanke machte mir große Angst.
- Ich tat etwas, um die Angst zu beruhigen oder eine Katastrophe zu verhindern.
- Für einen kurzen Moment wurde es leichter.
- Dann kam der Zweifel zurück.
Die Handlung kann von außen sichtbar sein, zum Beispiel Händewaschen oder Kontrollieren. Sie kann aber auch nur im Kopf stattfinden. Grübeln, inneres Wiederholen, Erinnerungen prüfen, zwanghaftes Beten oder immer wieder nach Bestätigung fragen können ebenfalls Zwänge sein.
Die deutsche Patientenleitlinie zu Zwangsstörungen erklärt diesen Kreislauf ausführlicher.
OCD kann außerdem Gedanken erzeugen, die überhaupt nicht zu den eigenen Werten passen. Ein Beispiel ist der aufdringliche Gedanke:
„Nimm dieses Messer und verletze jemanden damit.“
Das Erschreckende war für mich nicht nur der Gedanke selbst. Danach begann das Fragen: Will ich das vielleicht wirklich? Was sagt dieser Gedanke über mich als Person aus?
Bei OCD ist ein aufdringlicher Gedanke nicht dasselbe wie ein Wunsch, eine Absicht oder eine Handlung. Trotzdem ist nicht jeder Gewaltgedanke automatisch OCD. Wer eine konkrete Absicht oder einen Plan hat oder sich beziehungsweise andere unmittelbar gefährdet sieht, braucht sofort fachliche Hilfe.
Als OCD sich an meinen Glauben hängte
Nach den Ängsten rund um Ansteckung und Händewaschen wurde die religiöse OCD besonders schlimm.
Dafür gibt es einen Namen: Scrupulosity, auf Deutsch oft religiöse oder moralische Skrupulosität genannt. Dabei setzt sich der Zwang an Glaubens- oder Gewissensfragen fest.
Ich dachte: Wenn ich nicht für einen kranken Menschen bete, wird er vielleicht nicht gesund. Dann bin ich schuld. Vielleicht bestraft Gott mich dafür.
Ich fragte mich, ob ich genug glaube, oft genug an Gott denke oder richtig genug bete. Ich hatte Angst, dass Gott mich nicht mehr liebt, mich verwirft oder dass ich in die Hölle komme.
Bibelstellen wie Matthäus 7,23 machten mir damals große Angst. Der Vers fühlte sich für mich wie eine persönliche Warnung an, die ich sofort lösen musste.
Heute verstehe ich etwas besser, warum der Zwang gerade meinen Glauben angegriffen hat: OCD hängt sich oft an das, was uns am wichtigsten ist.
Bei mir waren es mein Glaube, meine Beziehung zu Gott und mein Wunsch, keinem Menschen zu schaden. Bei anderen Menschen können es die Kinder, die Partnerschaft, Gesundheit, Identität, Moral oder Arbeit sein. Man muss nicht religiös sein, um diesen Mechanismus zu kennen.
Der Inhalt ist verschieden. Die Stimme des Zwangs klingt oft ähnlich:
Beweise es. Kläre es vollständig. Geh kein Risiko ein. Werde dir absolut sicher.
Wie AuDHS mein Erleben beeinflusst haben könnte
In meiner schlimmsten Phase wusste ich nur von meinem ADHS. Dass ich auch autistisch bin, erfuhr ich erst später. Meine damalige Behandlung war deshalb nicht speziell an Autismus angepasst.
Rückblickend hilft mir AuDHS aber, einen Teil meines Erlebens besser zu verstehen.
Ich kenne Hyperfokus sehr gut. Normalerweise kann er mir helfen, tief in ein Thema einzutauchen. Bei OCD konnte er sich aber auf eine Zwangsfrage richten. Dann fühlte es sich an, als müsste ich dieses eine Problem unbedingt lösen. Mein Kopf ließ nicht mehr los, weil der Zwang behauptete, sonst würde etwas Schreckliches passieren.
Auch Ungewissheit, viele Reize und Schwierigkeiten, soziale Situationen richtig einzuordnen, konnten die Schleife für mich verstärken.
Das ist meine persönliche Erfahrung. Sie beweist nicht, dass Autismus oder ADHS eine Zwangsstörung verursachen.
Studien zeigen aber eines: Autismus und OCD können gemeinsam auftreten. Eine große Auswertung verschiedener Altersgruppen kam auf ungefähr neun Prozent OCD in den untersuchten autistischen Gruppen. Andere Studien kommen auf ähnliche, aber nicht genau gleiche Werte. Warum beides häufiger zusammen vorkommt, ist noch nicht klar.
Wichtig ist auch: Nicht jede autistische Routine ist ein Zwang.
Eine Routine kann beruhigen, Freude machen oder helfen, Reize zu verarbeiten. Ein OCD-Ritual fühlt sich für mich anders an. Dahinter steht die Angst: Wenn ich das nicht tue, passiert etwas Schlimmes. Von außen können beide Verhaltensweisen ähnlich aussehen. Deshalb ist die Frage wichtig, wozu eine Handlung dient und wie sie sich innerlich anfühlt.
Als ich drei Tage lang nicht schlafen konnte
In meiner schlimmsten Phase hatte ich das Gefühl, nicht mehr richtig in der Realität zu sein. Ich war fast nur noch in meinem Kopf.
Die Gedanken hörten auch nachts nicht auf. Drei Tage lang konnte ich nicht schlafen.
Der Besuch bei einem Psychiater und mein anschließender zweimonatiger Aufenthalt in einer Tagesklinik waren ein Wendepunkt. Dort bekam das, was ich erlebte, endlich einen Namen: OCD.
Medikamente senkten meine Angst so weit, dass ich wieder schlafen konnte. Sie lösten nicht jede Zwangsschleife. Aber sie gaben mir genug Stabilität, um mit meiner Therapeutin an der Erkrankung zu arbeiten.
Fast genauso wichtig war das Wissen: Ich bin nicht „verrückt“. Diese Gedanken gehören zu einem bekannten Muster. Andere Menschen erleben ähnliche Schleifen, auch wenn ihre Themen anders aussehen.
Die Informationen, die ich im Internet fand, waren für mich lebensrettend. Besonders die Inhalte von Mark DeJesus zu religiöser OCD haben mir geholfen, meinen Verstand wiederzufinden. Seine Ressourcenseite zu Scrupulosity spricht unter anderem über zwanghaftes Beten, Schuld, Heilsgewissheit und die Angst, nicht genug zu glauben.
Das ist eine persönliche Empfehlung aus meinem Glauben heraus. Die Seite ist keine medizinische Leitlinie und ersetzt keine professionelle Behandlung.
Nicht beten, obwohl die Angst schrie
Am meisten geholfen hat mir die Exposition. Sie war gleichzeitig einer der schwierigsten Teile meiner Therapie.
Die vollständige Bezeichnung lautet Exposition mit Reaktionsmanagement, oft ERP abgekürzt. Einfach gesagt bedeutet das: Ich stelle mich einer Angst und führe das Ritual, mit dem ich mich sonst beruhige, nicht aus.
In meiner Therapie bedeutete das manchmal, nicht zu beten, obwohl OCD mich genau dazu drängte.
Das war keine Abkehr von Gott. Nicht das freiwillige Gebet war das Problem. Das Problem war das zwanghafte Gebet, mit dem ich eine Katastrophe verhindern oder absolute Sicherheit herstellen wollte.
Wenn ich nicht betete, fühlte es sich zuerst furchtbar falsch an. Die Angst stand mir bis zu den Ohren. Alles in mir wollte das Ritual doch noch ausführen.
Ich musste diese Achterbahnfahrt aushalten.
Und dann erlebte ich etwas Wichtiges: Die Angst konnte auch von selbst wieder sinken. Ich musste sie nicht durch ein Ritual wegmachen.
Ich lernte nicht, dass jede befürchtete Katastrophe zu hundert Prozent ausgeschlossen war. Ich lernte, dass ich die Frage offenlassen konnte.
Exposition ist keine Übung, die bei schweren Zwängen einfach nach einem Blogartikel allein begonnen werden sollte. Sie sollte zum Menschen, zu seinen Symptomen und – bei religiöser OCD – auch zu seinem Glauben passen. Mir half die Begleitung durch meine Therapeutin.
Was Freiheit heute für mich bedeutet
Freiheit bedeutet für mich nicht, dass nie wieder eine Angst oder ein Zwangsgedanke auftaucht.
Freiheit bedeutet, dass ich nicht mehr jeden Gedanken für die Wahrheit halten muss.
Ein Gedanke darf da sein, ohne dass ich ihn untersuche, widerlege oder repariere. Ich kann ihn wie eine Wolke beobachten. Sie taucht auf, zieht durch meinen Blick und darf weiterziehen. Ich muss nicht mit ihr mitgehen.
Heute bedeutet Freiheit für mich:
- meinen Alltag weiterleben zu können, obwohl eine Frage offen ist,
- nicht jeden Gedanken lösen zu müssen,
- Ungewissheit Schritt für Schritt stehen zu lassen,
- nicht mehr nur in meinem Kopf gefangen zu sein,
- wieder im Hier und Jetzt leben zu dürfen.
Auch mein Glaube hat sich verändert. Ich glaube nicht mehr, dass Gott mir diese Ängste gibt. Ich darf darauf vertrauen, dass ich in seiner Liebe und in seiner Hand sicher bin. Ich darf Jesus vertrauen und Kontrolle loslassen – nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt.
Das ist meine persönliche Glaubensperspektive. Auch wer meinen Glauben nicht teilt, kann denselben Weg auf andere Weise gehen: Gedanken als Gedanken erkennen, Unsicherheit aushalten und das eigene Leben nicht länger vom Zwang bestimmen lassen.
Wie Angehörige helfen können
Wenn ein Mensch mit OCD immer wieder fragt: „Bist du ganz sicher, dass nichts passiert?“, möchte man ihn natürlich beruhigen.
Das Problem ist: Die Beruhigung hält meistens nur kurz. Danach stellt OCD die nächste Frage. So kann gut gemeinte Bestätigung den Kreislauf ungewollt weiterfüttern.
Hilfreicher kann eine liebevolle Antwort wie diese sein:
„Ich sehe, wie viel Angst du gerade hast. Das klingt nach einer Zwangsschleife. Ich bin bei dir. Aber ich gebe dir nicht die verlangte Sicherheit, weil das den Zwang weiterfüttern würde. Ich glaube, dass du diese Angst aushalten kannst.“
Das bedeutet nicht, einen Menschen allein zu lassen oder kalt zu werden. Angehörige können zuhören, die Not ernst nehmen und dableiben, ohne das Ritual mitzumachen.
Am besten wird vorher gemeinsam und, wenn möglich, auch in der Therapie besprochen, wie mit wiederholten Fragen nach Bestätigung umgegangen werden soll. Die Grenze sollte nicht plötzlich als Strafe eingesetzt werden.
Sätze wie „Hör doch einfach auf“ helfen nicht. Liebe und eine klare Grenze können zusammengehören.
Was ich dir mitgeben möchte
Du bist nicht allein.
OCD kann einen Menschen an einen sehr dunklen Ort bringen. Ich kenne diesen Ort. Ich kenne das Gefühl, im eigenen Kopf gefangen zu sein und keinen Ausgang mehr zu sehen.
Aber es kann besser werden.
Bei mir waren professionelle Hilfe, Medikamente, Therapie, Exposition und gute Informationen wichtige Teile des Weges. Nicht alles wurde sofort leicht. Auch heute muss ich mich Ängsten immer wieder neu stellen.
Trotzdem habe ich mein Leben zurückgewonnen.
Viele Drohungen, die OCD wie sichere Wahrheiten klingen ließ, erwiesen sich als Schall und Rauch. Ich musste nicht jede Frage beantworten, um weitergehen zu dürfen.
Vielleicht bedeutet Hoffnung am Anfang nicht, dass morgen alle Gedanken verschwunden sind. Vielleicht bedeutet sie zunächst nur, dass du den nächsten Schritt nicht allein gehen musst.
Wenn du mehrere Nächte nicht schlafen kannst oder dich nicht mehr richtig in der Realität fühlst, hole dir dringend fachliche Hilfe. Bei einer konkreten Absicht, einem Plan oder unmittelbarer Gefahr für dich oder andere wende dich sofort an 112 oder eine psychiatrische Notaufnahme.
Wo du weiterlesen kannst
Wenn du dich genauer informieren möchtest, findest du hier verständliche und fachlich verlässliche Ausgangspunkte:
- Patientenleitlinie Zwangsstörungen 2026 – eine ausführliche deutschsprachige Erklärung von OCD und seiner Behandlung.
- Forschung zum gemeinsamen Auftreten von Autismus und OCD – eine Übersicht zu Kindern und Jugendlichen; die Zahlen sind keine Vorhersage für einzelne Menschen.
- NICE: Anpassung psychologischer Behandlung für autistische Erwachsene – Hinweise zu klarer Sprache, Struktur, Pausen und sensorischen Bedürfnissen.
- Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. – Informationen und Hinweise auf Beratung und Behandlung.
- Mark DeJesus: Scrupulosity & Religious OCD Resource Page – die christliche Ressource, die mir persönlich geholfen hat; kein Ersatz für Therapie oder medizinische Behandlung.

