Ich bin jahrelang mit einem gebrochenen Bein gelaufen, ohne es zu wissen
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Ich bin jahrelang mit einem gebrochenen Bein gelaufen, ohne es zu wissen

Max Anton Schneider, Gründer von meinsystem.app
Max Anton Schneider
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Ein persönlicher Text darüber, warum ich meinen Erfolg mit ADHS und Autismus nicht mehr an neurotypischen Maßstäben messe.

Mir ist in letzter Zeit etwas aufgefallen. Ich rechtfertige mich ständig.

Nicht vor anderen. Vor mir selbst.

Dieser eine Gedanke, der nicht weggeht: Das, was ich mache, ist nicht genug. Ich muss mich noch mehr anstrengen.

Vielleicht kennst du das. Du hast ADHS, Autismus oder beides. Nach außen funktionierst du irgendwie. Innerlich kostet dich alles viel mehr Kraft, als andere sehen. Und trotzdem vergleichst du dich mit Menschen, für die Alltag, Arbeit und Struktur ganz anders laufen.

Ich glaube, ich weiß inzwischen, woher das bei mir kommt.

ADHS und Autismus als unsichtbare Behinderung

Ich bin mit ADHS und Asperger aufgewachsen und habe es nicht gewusst. ADHS-Diagnose mit 19. Die Asperger-Diagnose erst mit 26.

Über zwei Jahrzehnte lang habe ich also geschuftet, um die Leistung zu bringen, die ein neurotypischer Mensch nebenbei schafft. Ich bin immer die zusätzliche Meile gegangen. Habe mich immer doppelt so heftig angestrengt, nur um auf dasselbe Ergebnis zu kommen.

Das Heftige daran: Man sieht es mir nicht an.

Wenn jemand im Rollstuhl sitzt, ist die Sache klar. Niemand fordert von ihm, einen Marathon zu laufen. Das wäre Wahnsinn.

Bei Asperger sieht man nichts. Man denkt bei Autismus an ein Kind, das in der Ecke sitzt und schreit. Aber das Spektrum ist breit. Menschen können nach außen funktionieren, Gespräche führen, arbeiten, kreativ sein. Und trotzdem ein Nervensystem haben, das im Alltag ganz anders arbeitet.

Und genau weil man das nicht sieht, denkt man schnell: Der soll sich nicht so anstellen. Der muss sich halt einfach mehr anstrengen.

Ich habe mir das jahrelang selbst eingeredet. Mehr anstrengen. Mehr leisten. Mehr beweisen.

Das Bild, das es am besten trifft: Ich bin die ganze Zeit mit einem gebrochenen Bein gelaufen und wusste es nicht. Und habe mich dafür fertiggemacht, dass ich langsamer bin als alle anderen.

Warum der Vergleich mit neurotypischen Menschen so weh tut

Ich habe mich verglichen. Mit Unternehmern, die 80 Stunden die Woche arbeiten können. Mit dem nächsten Jeff Bezos. Mit Menschen, die diese Behinderung nicht haben.

Davor hatte ich jeden Tag Shutdowns. Jeden Tag Meltdowns. War depressiv, habe ständig an mir gezweifelt und mich gefragt, warum es für mich so schwer ist, einen ganz normalen Alltag zu managen. Vor allem, seit ich alleine wohne.

Wenn du wissen willst, wie sich diese Überlastung bei mir früh ankündigt, habe ich darüber in meinem Text über autistischen Burnout und seine Warnsignale geschrieben.

Der Vergleich war nie fair. Ich habe mich an einem Maßstab gemessen, den ich gar nicht erfüllen kann. Und mich dann dafür bestraft, dass ich ihn nicht erfülle.

Wie ich Erfolg mit ADHS und Autismus neu definiert habe

Irgendwann ist der Groschen gefallen. Ich muss mich nicht mit anderen vergleichen. Ich vergleiche mich mit dem, was ich gestern geschafft habe.

Das klingt klein. Es hat alles verändert.

Mein Maximum sind ungefähr sechs Stunden Arbeit am Tag. Vier Deep-Work-Sessions. Mehr geht nicht. Ich kann nicht acht Stunden am Stück durchziehen, ich kann nicht zu festen Bürozeiten funktionieren, ich kann keinen klassischen Nine-to-Five.

Lange habe ich mich dafür geschämt. Heute weiß ich: Wenn ich diese sechs Stunden hinkriege, ist genau das mein Erfolg.

Bei mir wurde ein GdB von 50 festgestellt. Das ist eine Schwerbehinderung. Und trotzdem habe ich jahrelang so getan, als müsste ich einfach genauso funktionieren wie alle anderen. Von einem Menschen mit Behinderung etwas zu fordern, das er nicht erfüllen kann, ist Wahnsinn. Bei einem Rollstuhl würde das jeder sofort verstehen. Bei mir nicht, weil man nichts sieht.

Damit das überhaupt geht, brauche ich Struktur. Tagesstruktur, Routinen, ein Gerüst, an dem ich mich entlanghangeln kann, wenn mein Kopf voll ist. Ein großer Teil davon ist, den Tag und die nächsten Schritte überhaupt sichtbar zu machen, weil mein Zeitgefühl mir da nicht hilft. Wie stark das bei mir reinspielt, habe ich in meinem Text über Zeitblindheit beschrieben.

Genau deshalb habe ich angefangen, mir mein eigenes System zu bauen. Nicht, weil ich noch eine Produktidee gesucht habe. Sondern weil ich selbst etwas gebraucht habe, das mich durch den Tag trägt. Aus diesem System ist später meinsystem.app geworden.

Und zum ersten Mal funktioniert es. Ich komme durch meinen Tag. Ich veröffentliche jede Woche ein YouTube-Video. Ich arbeite an meinen Produkten. In meinem Tempo.

Was das nicht heißt

Jetzt der wichtige Teil, damit wir uns nicht falsch verstehen.

Ich rede nicht davon, die Latte tiefer zu legen. Ich rede nicht davon, dass man keine großen Visionen haben darf oder keine großen Dinge erreichen kann. Doch, darf man. Ich habe selbst welche.

Ich rede von etwas anderem: dem Maßstab, den du an dich selbst anlegst.

Es ist okay, wenn mein Business länger braucht. Ich kann pro Woche nur eine bestimmte Menge an echter, konzentrierter Arbeit leisten. Wenn ein Produkt deshalb länger braucht, bis es erfolgreich ist, habe ich damit kein Problem. Weil die Alternative nicht "schneller" heißt. Die Alternative heißt Zusammenbruch.

So, wie ich es jetzt aufbaue, funktioniert es. Vorher hat nichts funktioniert. Der langsamere Weg, der zu mir passt, schlägt den schnellen Weg, der mich umbringt.

Woran ich glaube

Jeder hat andere Gaben. Jeder hat unterschiedlich viel Kraft. Jeder hat eine andere Vergangenheit und andere Dinge durchgemacht.

Ich glaube, dass ich das, was mir gegeben wurde, nicht vergleichen muss und nicht vergraben soll, nur weil jemand anderes scheinbar mehr hat. Ich möchte es nutzen, um anderen ein Segen zu sein. Und wenn es in den Augen anderer klein erscheint, weiß ich trotzdem, dass ich mein Bestes gegeben habe. Und ich darf darauf vertrauen, dass das reicht.

Das ist meine Überzeugung. Welche Rolle mein Glaube dabei spielt, habe ich in meinem Text über Glaube und Neurodivergenz ausführlicher beschrieben. Du musst sie nicht teilen, damit der Kern für dich stimmt: Dein Bestes, in dem Maß, das dir möglich ist, ist genug.

An dich

Wenn du ADHS oder Autismus hast. Wenn du körperlich kämpfst. Wenn du eine schwere Kindheit hattest. Was auch immer du mit dir trägst.

Allein, dass du noch hier bist, dass du nicht aufgegeben hast, dass du weitermachst, ist Applaus wert.

Vielleicht musst du nicht mehr leisten. Vielleicht musst du nur deinen Erfolg neu definieren. Etwas freundlicher mit dem Maßstab werden, den du an dich selbst anlegst.

Am Ende läuft jeder sein eigenes Rennen. Ich laufe meins. Lauf du deins.

Gib dein Bestes in dem Maß, wie du es kannst. Ich glaube fest daran, dass das ausreicht.

Häufige Fragen

Was bedeutet Erfolg neu definieren bei ADHS und Autismus?

Für mich heißt es: Erfolg nicht mehr daran messen, wie gut ich neurotypische Maßstäbe erfülle. Erfolg heißt, in meinem Tempo voranzukommen, ohne dauerhaft in Überlastung, Shutdowns und Selbsthass zu landen.

Warum ist der Vergleich mit neurotypischen Menschen so schwer?

Weil ADHS und Autismus oft unsichtbar sind. Von außen sieht es aus, als würde jemand einfach weniger schaffen. Innerlich kostet derselbe Alltag aber viel mehr Energie.

Heißt Erfolg neu definieren, weniger ehrgeizig zu sein?

Nein. Es heißt nicht, meine Vision kleiner zu machen. Es heißt, einen Weg zu finden, der langfristig trägt, statt mich mit Gewalt in einen Rhythmus zu pressen, der mich kaputt macht.

Tags

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